مواقف
Frau Schmidt — sie rutscht ans Fußende: Bewegungsmangel, Leitfrage, Massen, Ansage, im Bett gehen„Komm, wir ziehen sie zu zweit hoch.“ Frau Schmidt, 85, ist wieder ans Fußende gerutscht. Seit drei Tagen bewegt sie sich kaum.Frau Schmidt — zum ersten Mal auf den Beinen: Knochen tragen, Bett, Hilfsmittel, Führen und Folgen, dein Rücken„Meine Beine tragen mich nicht mehr.“ Frau Schmidt, 85, darf heute zum ersten Mal aufstehen. Das Bett steht hoch, und der Nachtschrank hat Rollen.معرفة للقراءة
المحتوى · 10 وحدات
Bewegungsmangel
Wer gesund ist, legt sich automatisch so hin, wie es angenehm ist — auf den Rücken, die Seite oder den Bauch. Im Krankenhaus schränken Erkrankung, Schmerzen oder therapeutische Maßnahmen die Bewegung oft ein. Dann droht eine Zwangs- oder Schonhaltung: Der Mensch bewegt sich nur noch wenig.
Das ist kein Komfortproblem. Eine solche Haltung kann die Körperwahrnehmung verändern und fünf Risiken erhöhen:
- das Dekubitusrisiko
- das Pneumonierisiko
- das Thromboserisiko
- das Kontrakturrisiko
- das Sturzrisiko
Deine Aufgabe ist, Folgeschäden zu vermeiden und den Pflegeempfänger bei der Mobilisation nach Bedarf zu unterstützen und zu fördern. Dafür musst du wissen, wie menschliche Bewegung funktioniert.
Eine Zwangs- oder Schonhaltung kann die Körperwahrnehmung verändern und Dekubitus-, Pneumonie-, Thrombose-, Kontraktur- und Sturzrisiko erhöhen. Sie ist kein Komfortproblem.
Die Leitfrage der Kinästhetik
Wie „man“ sich richtig bewegt, lehrt Kinästhetik nicht — ureigene Bewegungsmuster hat jeder Mensch, erlernt oder erworben durch ein Handicap. Die Leitfrage ist deshalb nicht, wie du jemanden von A nach B bekommst. Sie lautet: Mit welchen vorhandenen Ressourcen erreichst du das gesetzte Ziel? Du unterstützt die Aktivität des Pflegeempfängers — und hemmst sie nicht.
Die Ziele:
- Bewegung anbahnen, indem Ressourcen erfasst und genutzt werden.
- Wahrnehmung und Selbstständigkeit fördern — initiieren und kontrollieren soll der Pflegeempfänger selbst.
- Körperbewusstsein und Lernangebote im Alltag.
- Physiologische, also natürliche, Bewegungsabläufe — sie schonen Rücken und Gelenke auf beiden Seiten.
- Nonverbale Kommunikation, wenn Sprachverstehen und Sprechen eingeschränkt sind.
Die Leitfrage der Kinästhetik ist nicht, wie du jemanden von A nach B bekommst, sondern: Mit welchen vorhandenen Ressourcen erreichst du das gesetzte Ziel?
Massen und Zwischenräume
Sieben Massen, sechs Zwischenräume — so gliedert das Konzept Funktionale Anatomie den Körper.
- Massen sind die knöchernen, stabilen Strukturen: Kopf, Brustkorb, Becken sowie Arme und Beine.
- Die Zwischenräume — Hals, Taille, Achselhöhlen und Leisten — verbinden die Massen und machen Bewegung und Interaktion erst möglich.
Die Regel heißt: „Massen fassen, Zwischenräume spielen lassen.“ Greifst du in die Zwischenräume, blockierst du den Menschen: Sämtliche Eigenbewegung wird verhindert. Denn Berührung an den Massen gibt eine differenzierte Bewegungsanleitung; Kontakt an den Zwischenräumen dagegen blockiert die Beweglichkeit, weil er nur diffuse Signale vermittelt.
Verlagere darum „Masse für Masse“, statt den Menschen im Ganzen zu bewegen: Wandert das Gewicht schrittweise von einer Körpermasse zur nächsten, setzt der Patient eigene Ressourcen ein — und dich kostet es weniger Anstrengung.
„Massen fassen, Zwischenräume spielen lassen“: 7 Massen — Kopf, Brustkorb, Becken, Arme, Beine; 6 Zwischenräume — Hals, Taille, Achselhöhlen, Leisten.
Anleiten mit Sprache
Bevor ihr gemeinsam eine Aktivität startet, solltest du sicherstellen:
- Beiden ist das Ziel klar.
- Mögliche Zwischenschritte sind besprochen, und die Hilfsmittel stehen bereit.
Sprich eindeutig. Wer im Bett liegt, versteht unter „oben“ die Zimmerdecke — eindeutiger ist: „Bewegen Sie sich bitte Richtung Kopfende des Bettes.“ Gib Anweisungen Schritt für Schritt: Vier Aufforderungen auf einmal — Bein aufstellen, nach links kippen, Gesäß nachziehen, drehen — überfordern jeden. Und Zeit muss sein: Ein Pflegeempfänger sollte genug Zeit bekommen, um auf eine Ansage zu reagieren. Je nach Zustand kann das durchaus ein paar Sekunden dauern.
Frage dich bei jeder Anleitung außerdem nach den anatomischen Grundlagen: Welche Bewegungen lässt ein Gelenk, ein Zwischenraum zu? Wo sind die Massen in dieser Position — und welche Körperteile sind beweglich?
Eindeutig, Schritt für Schritt, mit Zeit: „Zum Kopfende des Bettes“ statt „nach oben“ — denn oben ist für Liegende die Zimmerdecke.
Gehen über Gewichtsverlagerung
Komplexe Funktionen bauen auf den einfachen auf. Dazu zählen:
- Bewegungen am Ort: Atmen, An- und Auskleiden, Essen und Trinken
- die Fortbewegung, etwa Gehen und Positionswechsel
Gehen funktioniert über Gewichtsverlagerung: Das Körpergewicht wird auf ein Bein verlagert, das entlastete Bein macht einen Schritt, dann wandert das Gewicht zurück. Gewichtsverlagerung und Vorwärtsbewegung überlagern sich zur fließenden Fortbewegung. Dabei wird das Gewicht von der Unterstützungsfläche niemals komplett gehoben.
Dieses Prinzip überträgst du auf andere Positionen — zum Beispiel auf die „gehende“ Fortbewegung im Bett: das Gewicht über eine Seitwärtsdrehung verlagern, mit dem entlasteten Körperteil bewegen, das Gewicht auf den neuen Ort zurückverlagern. So bewegt sich der Patient selbst, ohne dass jemand hebt.
Das Gewicht wird von der Unterstützungsfläche niemals komplett gehoben — dasselbe Prinzip trägt die „gehende“ Fortbewegung im Bett: verlagern, bewegen, zurückverlagern.
Funktionale Anatomie
Das Konzept Funktionale Anatomie nutzt eine Arbeitsteilung:
- Knochen sind robust und fest. Ohne dafür Kraft aufzubringen, können sie Gewicht tragen.
- Muskeln — mit Sehnen und Faszien — sind weich, veränderbar zwischen Anspannung und Entspannung, und verbinden die Knochen, halten sie in ihrer korrekten Position und bewegen sie.
Daraus folgt das kinästhetische Prinzip: Führe das Körpergewicht möglichst über knöcherne Strukturen, statt es zu tragen.
Genau davon profitiert, wer durch lange Immobilität und Krankheit viel Muskelkraft verloren hat: Die Kraftübertragung über die Knochen lässt sich für die Mobilisation nutzen: Ihr könnt die Bewegung gemeinsam so führen, dass das Gewicht vor allem von den Knochen gehalten wird. Im Stand: Knie durchstrecken, Oberkörper aufrichten, alle Gelenke übereinander.
Und beim Aufstehen: Füße an den Boden, Oberkörper etwas nach vorn — der Schwerpunkt wandert auf die Füße. Ohne Gewichtsverlagerung kommt niemand aus dem Sitz in den Stand.
Funktionale Anatomie: Führe das Körpergewicht möglichst über knöcherne Strukturen, statt es zu tragen — Knochen tragen ohne Kraftaufwand, Muskeln bewegen.
Die Umgebung
Raum und Umgebung können die Bewegung fördern, sie können sie aber auch behindern. Ebenso können Hilfsmittel helfen oder bremsen. Das ist der Blick des Konzepts Umgebung. Schau dir deshalb beide Umgebungen genau an — die des Pflegeempfängers und deine eigene.
- Bett: Bettgitter schneiden einem Menschen auf der Bettkante oft in den Oberschenkel — entferne sie für die Mobilisation. Stelle das Bett so hoch, dass die Füße im Sitzen den Boden erreichen: Darüber stabilisiert und balanciert er sich aus.
- Matratze: Auf einer sehr weichen Matratze sind Bewegungen schwieriger, und sie beeinflusst die Körperwahrnehmung negativ; eine harte animiert eher, sich zu bewegen. Liegt jemand auf einer Anti-Dekubitus-Matratze, die sehr weich ist, solltest du regelmäßig prüfen, ob er sie wirklich noch braucht. Bedenke: Eine weiche Unterlage ist ein Bewegungs-Handicap.
Füße brauchen im Sitzen Bodenkontakt, und eine weiche Unterlage ist ein Bewegungs-Handicap. Ist die Anti-Dekubitus-Matratze sehr weich, solltest du regelmäßig prüfen, ob der Mensch sie noch braucht.
Hilfsmittel
Für Hilfsmittel zur Positionierung gilt: nur so viel wie wirklich nötig.
- In sehr weiche Kissen sinkt der Pflegeempfänger ein — sie schränken die Mobilität ein und bieten zu wenig Widerstand, um sich zum Bewegen abzustoßen.
- Eingerollte Handtücher sind oft die besseren Hilfsmittel: Sie sind hart, ihr Widerstand lässt sich zum Abdrücken nutzen — und initiiert so eigene Bewegung.
Und wenn du eine unsichere Stütze wegnimmst — wie den rollenden Nachtschrank bei Herrn M. —, dann solltest du immer eine geeignete Alternative bereitstellen: die gewohnte Gehhilfe oder die Lehne eines stabilen Stuhls. Gewohnte Hilfsmittel landen im Klinikalltag oft im Schrank und werden vergessen.
Hilfsmittel nur so viel wie nötig: Eingerollte Handtücher sind oft bessere Hilfsmittel als sehr weiche Kissen — und wer eine unsichere Stütze wegnimmt, stellt eine Alternative bereit.
Führen und Folgen
Kinästhetik heißt, die eigene und die fremde Bewegung zu erforschen. Führen und Folgen lässt gemeinsames Bewegen entstehen: Eine der beiden Personen gibt die Impulse — du oder der Pflegeempfänger —, die andere greift die Aktivität auf und folgt ihr. Klappt es nicht, solltest du nach Ursachen und Lösungen suchen. Dabei ist Kreativität jederzeit erlaubt. Im Zweifel solltest du ausprobieren und dabei aufmerksam bleiben. Wenn du nicht weiterweißt, nimm selbst die Position des Pflegeempfängers ein (auf einem freien, sauberen Bett) und probiere aus, wie du dich mobilisieren würdest.
- Frag immer zuerst: Was kann der Pflegeempfänger? Die Grundlage jeder Bewegung sind seine Ressourcen — auch Muskeln und Knochen sind Ressourcen, zum Beispiel bei komatösen Pflegeempfängern.
- Unterstützen, nicht übernehmen. Bewegt sich das Bein auf deine Aufforderung kaum, legst du eine Hand an den Unterschenkel und unterstützt die Bewegung in die Richtung — du bevormundest den Pflegeempfänger nicht, du gibst nur Hilfestellung.
Führen und Folgen: Einer gibt die Impulse, der andere folgt. Frag zuerst — was kann der Pflegeempfänger selbst?
Selbstschutz
Kinästhetik schützt auch dich. Ein eigenes Ziel des Konzepts ist die Gesundheitsprophylaxe der Pflegenden: unphysiologisches Heben und Tragen wird vermieden.
- Ruckartige Gewichtsverlagerungen sowie Heben und Tragen sind die schädlichen Bewegungen — sie widersprechen dem körperschonenden Prinzip und machen eine aufeinander bezogene, kontrollierte Bewegung unmöglich.
- Nimm dir bei der Anleitung Zeit, damit der Patient Bewegungen in Ruhe ausführen kann.
Bleibt der scheinbare Widerspruch zur Rückenschule: Du bewegst dich anstrengungsarm und vielfältig und beugst dabei mitunter den Rücken — das klingt nach einem Verstoß gegen rückengerechte Arbeitsweise. Er löst sich auf, weil das Gewicht verlagert statt getragen wird: Es wandert langsam über die knöchernen Strukturen und wird an die Unterstützungsflächen abgegeben. Kinästhetik steht deshalb nicht im Widerspruch zur Rückenschule — und beugt als kräfteschonendes, sehr physiologisches Konzept Rückenproblemen wie Bandscheibenschäden vor.
Heben, Tragen und ruckartige Gewichtsverlagerungen sind die schädlichen Bewegungen — Kinästhetik verlagert Gewicht über knöcherne Strukturen, statt es zu tragen.