Wenn ein Mensch zu wenig trinkt

Im Fall übenFrau Hartmann — Essen und Trinken am Tisch: wählen, sitzen, anreichen, trinken
Pflege-Wissen

Dehydratationsprophylaxe

Hochsommer im Pflegeheim. Frau M. trinkt tagsüber kaum. Abends lehnt sie jedes Glas ab: „Sonst muss ich nachts wieder raus.“

Um einer Dehydratation vorzubeugen, wird der individuelle Flüssigkeitsbedarf bestimmt und eine Flüssigkeitsbilanz erhoben. Die Flüssigkeitszufuhr wird sichergestellt. In leichteren Fällen lässt sich ein Flüssigkeitsdefizit durch ausreichendes Trinken beheben. In schweren Fällen ist eine Infusionstherapie angezeigt. Welche Maßnahme passt, hängt davon ab, warum ein Mensch zu wenig trinkt:

  • Er kann nicht trinken, zum Beispiel wegen Dysphagie, Schmerzen im Mund oder Übelkeit: Zuerst werden nach ärztlicher Anordnung die Symptome gelindert, zum Beispiel mit Antiemetika oder Analgetika. Dann bietest du Getränke an, mit verträglichem Geruch und wenig Kohlensäure. Bei Dysphagie achtest du darauf, ob eingedickte Flüssigkeiten oder eine orale Nahrungskarenz angeordnet sind. Bei Diarrhö wird die Flüssigkeitszufuhr erhöht. Wenn über den Mund keine Aufnahme möglich ist, wird Flüssigkeit nach ärztlicher Anordnung auf anderem Weg zugeführt: (par-)enteral, intravenös oder subkutan. Alle Flüssigkeiten werden zu einem Tageswert addiert, ob oral, (par-)enteral, subkutan oder intravenös. Eine Laborkontrolle, zum Beispiel von Hämatokrit, Natrium und Osmolalität im Serum, gibt nur einen Hinweis auf eine Dehydratation.
  • Er will nicht trinken, zum Beispiel weil das Durstgefühl fehlt oder weil er Toilettengänge vermeiden will: Baue eine Beziehung auf, um die Hinderungsgründe herauszufinden. Kläre über die Gefahren einer geringen Trinkmenge auf und beziehe Bezugspersonen ein. Stelle morgens alle Getränke für den Tag hin, mit Deckel. Oder lass ihn die Getränkemengen aufschreiben, mit einem standardisierten Glas oder Becher. Biete Maßnahmen an, die erfolgreiche Toilettengänge unterstützen. Fordere Angehörige oder Gruppenmitglieder auf, einander zum Trinken zu animieren. Erfrage Lieblingsgetränke und stelle sie bereit, wenn der Hydratisierungsgrad adäquat ist.
  • Er vergisst zu trinken, zum Beispiel bei Verwirrtheit: Stelle Getränke bereit und fordere wiederholt zum Trinken auf. Biete Lieblingsgetränke an. Setze Trink-Partner in der Gruppe ein. Lass aus Gläsern trinken. Strohhalme oder Schnabelbecher regen kaum zum Trinken an.
  • Hitze: Sorge im Freien für kühle Plätze und eine Kopfbedeckung. Lüfte effektiv: Fenster abends auf, morgens zu. Lass Außenjalousien früh herunter. Geräte, die Hitze abgeben, wie Computer oder Fernseher, bleiben aus. Die Raumtemperatur soll 26 °C nicht übersteigen, das ist der kritische Hitzepunkt. Stelle Ventilatoren auf und biete Taschenventilatoren fürs Gesicht an. Achte auf eine ausreichende und ausgewogene Ernährung. Biete Mineralwasser mit wenig Kohlensäure an, auch als Schorle, und bei starker Hitze ein elektrolythaltiges Getränk. Achte auf luftige Kleidung und dünnere Decken. Kühle die Haut mit feuchten Waschlappen, etwa auf der Stirn. Bei Hitze wirken manche Medikamente anders. Wenn der Blutdruck erniedrigt ist (unter 120/80 mmHg), wird mit dem Arzt über eine vorübergehend geringere Dosis von Antihypertensiva, Diuretika und Neuroleptika gesprochen. Neuroleptika erhöhen die Körpertemperatur und vermehren das Schwitzen. Ermuntere Bezugspersonen, im Wechsel jeden Tag da zu sein. Dann helfen sie beim Trinken und bieten feuchte Waschlappen an.

Beim Anbieten hilft:

  • das Getränk griffbereit hinstellen, in einem passenden Trinkgefäß, gern im gewohnten Gefäß von zu Hause
  • Gefäße nicht bis zum Rand füllen
  • keine „Flaschenbatterien“ auf den Tisch stellen, denn sie schrecken eher ab
  • regelmäßig Getränke anbieten und beim Trinken Zeit lassen
  • nicht zum Trinken drängen: Die Getränke können in kleinen Schlucken über eine bestimmte Zeit getrunken werden
  • Hilfsmittel zum Trinken einsetzen, die individuell ausgewählt sind
  • schwachen Menschen einen Strohhalm anbieten. Das soll den Saugreflex erhalten. Bei einer Dysphagie stimmst du die Trinkhilfe mit der Logopädie ab.
  • bei einer isotonen oder hypotonen Dehydratation eher salzhaltige Getränke wie Brühe anbieten, bei einer hypertonen Dehydratation Tee oder Wasser. Das soll den Natriumüberschuss ausgleichen.

Nicht nur Wasser hydriert. Auch Tee, Kaffee, Milch, Säfte und Suppen sind geeignet. Schwarzer oder grüner Tee und Kaffee sind in kleinen Mengen kein Problem, also 3–4 Tassen, auch mehrmals am Tag. In der Flüssigkeitsbilanz zählen sie genauso wie andere Getränke. Milch, Orangensaft und orale Rehydratationslösung (ORS) hydrieren den Körper sogar besser als Wasser. Der Grund: Laktose, Proteine und Fette in diesen Getränken verhindern, dass Flüssigkeit aus dem Körper austritt.

Manchmal wird gemeinsam mit dem Menschen ein Trinkplan erstellt. Getränke werden dann zu festgelegten Zeiten und in festgelegten Mengen angeboten. Mit dem Arzt wird festgelegt, wie viel der Mensch am Tag mindestens trinken soll. Wenn sie unterschritten wird, ist der Arzt zu informieren. Nach seiner Vorgabe wird dann eventuell eine Infusionstherapie durchgeführt. Wenn über den Mund nicht genug aufgenommen wird, ist die subkutane Infusion das Mittel der Wahl. Das gilt vor allem ambulant und in Pflegeeinrichtungen, weil intravenöse Gaben dort kaum möglich sind.

Vorsicht bei Herzinsuffizienz

Bei älteren Menschen kann mehr Flüssigkeit eine Herzschwäche entgleisen lassen, die bis dahin gerade noch kompensiert war. Achte auf die Zeichen einer Herzinsuffizienz, vor allem auf Dyspnoe (Atemnot). Ein Trinklimit bei Herz- oder Niereninsuffizienz wird erst nach Rücksprache mit dem Arzt erhöht.

Und denk an dich selbst: Trink sofort, wenn du aus der Schutzkleidung gestiegen bist und dich desinfiziert hast. So entgehst du selbst einer Dehydratation und kompensierst Hitzestress besser.

Faustregel

Finde zuerst heraus, warum ein Mensch zu wenig trinkt: Kann er nicht, will er nicht, oder vergisst er es? Danach richten sich die Maßnahmen. Biete regelmäßig Lieblingsgetränke im passenden Gefäß an, ohne zu drängen.

Teste dich selbst

Welche Maßnahmen passen, wenn ein Mensch nicht trinken kann, nicht trinken will oder das Trinken vergisst?

Kann nicht (Dysphagie, Schmerzen, Übelkeit): erst Symptome lindern (Arztanordnung), dann Getränke mit verträglichem Geruch und wenig Kohlensäure; bei Dysphagie Anordnung beachten; Will nicht (kein Durst, Toilettengänge vermeiden): Gründe herausfinden, aufklären, Tagesmenge morgens hinstellen, Toilettengänge unterstützen; Vergisst (Verwirrtheit): bereitstellen, wiederholt auffordern, Lieblingsgetränke, aus Gläsern trinken lassen

Nach welchen drei Gründen unterscheidest du die Maßnahmen, wenn ein Mensch zu wenig trinkt?

Finde zuerst heraus, warum ein Mensch zu wenig trinkt: Kann er nicht, will er nicht, oder vergisst er es? Danach richten sich die Maßnahmen. Biete regelmäßig Lieblingsgetränke im passenden Gefäß an, ohne zu drängen.

Im Fall übenFrau Hartmann — Essen und Trinken am Tisch: wählen, sitzen, anreichen, trinken